Göll Ostwand



Jagasteig: fast ausgeapert, soweit ich mich erinnern kann, ist ein Graben mit in der Früh tragendem Schnee im Absturzgelände zu passieren. Im Ausstieg zum Wilden Freithof liegt ein Baum im Absturzgelände im Weg.

Rinne: Es sind noch winterliche Verhältnisse. Obwohl mehrmals vor uns begangen, mussten wir von unten bis oben eine Stapfspur anlegen, Einskinktiefen bis ca. 30cm. Wer auf Firnverhältnisse wartet, sollte sich noch eine Zeit gedulden. Direkter Ausstieg war möglich. Wir fuhren nach Gasteig ab, unten ist über mehrere hundert Meter eine Lawine zu überwinden.

Video (diesmal sehr persönlich gehalten) gibt's wie immer hier: https://youtu.be/yoFwVTEEFo8

Autor: Althuber Franz
Datum: 01.04.2019
Saison: 18/19
Gebiet: Nordalpen

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Thomas Mansberger06.04.2019

Danke für die Ausführung und den Einblick in die Geschichte dahinter, Mansi

Althuber Franz06.04.2019

Servus Edi und Mansi, ich schreibe euch jetzt beiden zurück, weil ihr für mich zusammengehört - hoffe, das ist ok für euch :)

Es freut mich sehr, dass ihr beide euch zu dem Thema meldet. Ich war zum Zeitpunkt eures Unglücks in Wien und hab das damals sogar bis nach Wien mitbekommen. Ihr beide seid übrigens der Grund, warum ich bei fast allen anspruchsvolleren Touren overequipped unterwegs bin ;)

Zum öffentlich machen @Edi: ich hab da die Reaktion meiner Eltern abgewartet, wäre die anders ausgefallen, hätte es von mir weder ein (öffentliches - nur für mich) Video, noch Facebook, noch hier auf der Seite einen Beitrag gegeben. Den Weg bin ich ganz allein für mich gegangen, vermutlich hätte ich so auch abschließen können. Da die Reaktion u.a. aber verständnisvoll ausgefallen ist und ich mich doch (social)medial ziemlich exponiere, war es in der Hinsicht der letzte psychische Befreiungsschlag, öffentlich zeigen zu können, dass wir/ich nicht wie ahnungslose "Deppen" durch die Gegend rennen und sehr wohl überlegt handeln. Es war im Endeffekt der letzte Beweis, wer nachrecherchieren will, findet diese Kontinuität bei all meinen Tourenberichten seit meinem Unfall wieder. Und davon gibt's mittlerweile doch immens viele.

Zum Thema "Aufarbeitung": ich hab Geschichte studiert, bei einem ÖBB-Projekt waren wir auch international die letzten, aber immerhin haben wir es durchgebracht und umgesetzt - es ist aber definitiv keine Stärke in Österreich ;)

Tom war nicht dabei, weil er arbeiten musste. Ich hab ihm am Vortag eine Nachricht geschrieben, wie es mir geht, was ich vorhabe und warum ich es vorhabe und ob es für ihn ok ist. Er hat mir gesagt, ich soll aufpassen und es machen, wenn es für mich wichtig ist. Es kann gut sein, dass es ihn auch noch mal da rauf zieht, ist immerhin sein mittlerweiliges Einsatzgebiet. Was mich aber gefreut hat: dadurch wir nach Gasteig abfuhren, hat uns Tom in seiner Mittagspause abgeholt, so hat sich auch irgendwie der Kreis geschlossen...

Bei mir haben die Zufälle zusammengespielt, warum ich es im Vorfeld nicht meinen Eltern gesagt habe. Wäre die Situation eine andere gewesen, hätte es sein können, dass ich sie von meinem Vorhaben informiert hätte. Das ist jetzt aber ein Hätti-wari Spiel. Die Notwendigkeit war zu dem Zeitpunkt nicht gegeben, das hat es mir um Welten erleichtert, ich glaube der Zustieg wäre mir sonst noch schwerer gefallen, hätten sie es gewusst.

Was ich euch beiden von ganzem Herzen wünsche, denn ich habe das Gefühl, ihr konntet mit dem auch noch nicht abschließen und euren Frieden finden: dass ihr eure Schicksalstour am besten gemeinsam noch einmal geht, einen wunderschönen Tourentag (so wie wir) dabei habt und im Nachhinein euren Abschluss damit findet. Der Edi insgeheim, und der Mansi medial (oder auch nicht ;) ).

@Reinhard: ja, über das Thema habe ich auch intensiv nachgedacht. Und ich gebe dir Recht. Völlige Gewissheit habe ich nicht (eigentlich habe ich gar keine), dass mir so etwas nicht wieder mal passiert. Und wenn was passiert, dann geht der "Spaß" von Neuem los. Wenn ich das nicht will, dann gibt's nur eine Lösung: medial nichts posten. Ich lebe hier derzeit mit dem Restrisiko weiter...

LG euch allen und eine restliche schöne Tourensaison, Franz

Edi Mörtl04.04.2019

Deine Idee Franz, nochmal da hochzugehen um für DICH das Geschehene aufzuarbeiten ist in meinen Augen der absolut richtige Weg – wenn man’s kann! Ob ich es öffentlich machen muss ist eine andere Frage und muss jeder für sich entscheiden.

 

Für mich war das von vornherein klar, „meinen“ Schicksalsberg noch einmal auf selben Weg zu besteigen. Bisher hat’s nur für ein „rundherum antasten“ gereicht, aber der Tag wird kommen.

Warum? Weil ich den Tauern und ganz besonders dieser Ecke ums Wiesbachhorn unendlich viel zu verdanken habe. Alle Eigenschaften die mir wichtig sind habe ich hier in 45 Jahren gelernt bzw vertieft – Bescheidenheit, Demut, Gelassenheit und intensives bewusstes Leben. Öfters in extreme Situation geraten und überlebt. Und nie war es Zufall!

@Mansi, wir waren uns nur im Umgang mit den Medien nicht einig und heute noch bin ich überzeugt das weniger (von dir) mehr gewesen wäre. Und das zweite: ich bin heute noch maßlos enttäuscht das die Verantwortlichen der Bergrettung nicht auf unser mehrfach gemachtes Angebot  eingegangen sind, den Ablauf unserer Rettung gemeinsam aufzuarbeiten und daraus Rückschlüsse zu ziehen. Aber und ein kleiner Seitenhieb sei erlaubt: „Aufarbeitung“ von Geschehenem ist nicht unbedingt die Stärke meiner sonst sehr geachteten Nachbarn!

Aufpassen und gsund bleim!

Thomas Mansberger04.04.2019

Servus Franz,

Gratualtion zu deiner Einstellung und der konsequenten Aufarbeitung des Unfalls! Ich war damals Gott sei Dank nicht verletzt, tat mir daher wohl leichter, aber den medialen Shitstorm und die Vorwürfe gegenüber Angehörigen, die eh schon genug durchmachen, und ständig das sich rechtfertigen müssen bzw. das Gefühl zu bekommen, hat schon stark an der Substanz genagt.

Was mich noch interessieren würde, wie ist es dir dabei ergangen quasi heimlich los zu gehen. Ich persönlich hab das nie gemacht, ich glaube es fällt mir bis heute schwerer es nicht zu tun, als hätte ich es getan. Tom hat sich vermutlich bewusst anders entschieden, das finde ich auch spannend, denn im Grunde habt ihr das gleiche erlebt und ähnliche Einstellung dazu. Aber genau das konnte ich auch bei uns feststellen, dass man das unglaubliche Glück hat den Lotto 6er des Überlebens in einem so blöden Unglücksfall auch noch teilen zu können und trotzdem gibt es kleine Unterschiede in der Wahrnehmung und Verarbeitung, also nicht im Groben, aber halt so Feinheiten, bei den Beteiligten.

Gruß Mansi

Reinhard Steurer04.04.2019

Freut mich, dass Deine Erwartungen aufgegangen sind. In ein paar Jahren wird nicht mehr viel vom Trauma übrig sein. Etwas anderes kann man daraus wohl auch lernen: Soziale Medien sollte man in jeder Art von Extremsituation völlig meiden, denn die Hemmschwelle zu unbedachten Verurteilungen geht dort gegen 0, und die ungenierte Unwissenheit kommt 100% zum Ausdruck. Eine schlechte Kombination. Das wurde ganz allgemein auch diesen Jänner wieder deutlich, als man von offenbar "unkundigen Experten" beschimpft wurde, weil man auch unter schwierigen Bedingungen sich noch getraut hat, sichere Skitouren zu gehen.

Althuber Franz03.04.2019

Servus Reinhard, danke dir.

Mich hat im Vorfeld belastet, wie wohl meine Eltern und meine Schwester darauf reagieren werden, wenn ich ihnen nach der Tour sage, dass ich die Tour gemacht habe.

Während der Tour hab ich mir bis zum Zustieg zur Rinne darüber und wie ich mich dann am Ort des Geschehens wohl fühlen werde Gedanken gemacht. Gefühlt habe ich mich vom Einstieg bis zum Ausstieg und beim Abstieg/Abfahrt bis Gasteig pudelwohl, wobei im Unterbewusstsein wohl doch eine Anspannung da war. In den für mich traumatischen Orten der Rinne war mein Puls nämlich stark erhöht, was ich während der Tour selber aber nicht bemerkt habe.

Nachdem ich in Gasteig war und meine Familie über den Schritt informiert und deren Reaktion aufgenommen habe, war ich sehr erleichtert. Die Erleichterung ist geblieben und nun sogar bestärkt. Ich fühle mich befreit. Wir wurden damals als "Deppen", "Vollidioten", "Warum macht man sowas?", "Die sollen die Rechnung selber zahlen" etc. beschimpft. Auch wurden meine Eltern mit Fragen konfrontiert, auf die sie selber keine Antwort geben können, während ich hingegen von den entsprechenden Person nicht einmal angesprochen wurde. Das war eine seelische Last, die mich teilweise schon in der Intensivstation (da habe ich erste Nachrichten auf meinem Handy bekommen) getroffen haben, dann auf der Normalstation verstärkt und dann auf freier Wildbahn noch einmal stärker getroffen haben und seitdem begleiten und belasten.

Mit diesem Schritt und wie wir damit umgegangen sind, wie ich die Tour für mich gemacht und umgesetzt habe, wie bei der Tour jederzeit das gesund heimkommen im Vordergrund stand, habe ich mich von der Vorwurfslast befreit, verantwortungslos unterwegs zu sein.

Was man in den sozialen Medien zwischen den Zeilen hineininterpretiert und wie ein Mensch wirklich ist, das sind zwei paar Schuhe. Und damit habe ich nun endgültig meinen Frieden mit der Sache geschlossen. Besser, verantwortungsvoller, respektvoller, demütiger und dankbarer muss das erst einmal wer hinbekommen ;)

In dem Sinne schönen Abend und lG, Franz

Reinhard Steurer03.04.2019

Gratuliere zu diesem mutigen Schritt der Trauma-Bewältigung. Es wäre interessant zu erfahren, ob es nur gut getan oder schon auch neuerlich belastet hat.