Hochkönig



Ich habe eine Zeitlang überlegt, ob ich über diese Tour einen Bericht einstellen soll, denn als ich vor einigen Jahren bei einem 4er "Gugl geht immer" geschrieben habe gab es eine Unmenge an Kommentaren, und ich kann mich an keinen positiven erinnern.

 

Am Samstag abend mache ich mit Micherl und Kerstin aus, dass wir über Sylvester aufs Matrashaus gehen. Ich habe oben einiges Dringendes zu tun und bin froh zwei starke Spurer gefunden zu haben.

Am Sonntag Morgen haben sich die Verhältnisse erwartungsgemäß massiv verschlechtert. Der Lawinenlagebericht meldet für die Nordalpen und die Tauern einen 4er. Problemstellen, oder besser Problem überhaupt sind erstens die massive Erwärmung bis in mittlere Lagen und die damit verbundenen Nassschnee Lawinen und zweitens die heikle Triebschnee Situation in den Hochlagen. Bei der einstündigen Fahrt zum Arthurhaus habe ich Zeit mir meine Gedanken zu machen.

 

Für den Hochkönig bedeuten die Nasschnee Lawinen zwei große Gefahrenbereiche. Die Querung auf  dem Fahrweg vom Arthurhaus zur Mitterfeldalm glaube ich noch ganz gut einschätzen zu können.

Die hauptsächlichen Lawinenstriche sind mir bekannt, also sollte ich bis zur Mitterfeldalm das Risiko noch ganz gut einschätzen können.

Von der Mitterfeldalm zur  Kaserstadt kenne ich zwar auch die üblichen Lawinenstriche, aber dort sind Nassschnee Lawinen eher ein Problem des Tagesgangs und durch frühe oder späte Querung dieses Bereichs kann das Risiko minimiert werden. Das ist in dieser Situation nicht möglich. Die Nassschneelawinen können uns dort jederzeit erwischen, und es ist dort ein sehr viel größerer Berecih betroffen.

Tatsächlich entscheiden werde ich das erst vor Ort können.

 

Ganz ehrlich muss ich mir eingestehen, wenn ich heute alleine unterwegs gewesen wäre, hätte ich schon zuhause die Tour bleiben lassen, aber "ausgmacht ist ausgmacht". Damit wird mir klar, dass der Gruppendruck, den ich mir natürlich nur selber mache, vor Ort meine Entscheidung beeinflussen könnte.

Bis Mühlbach fahre ich die meiste Zeit unterm Hochnebel, aber am Arthurhaus parke ich das Auto im strahlenden Sonnenschein. Gefühlt macht die Sonne ganz schnell aus einem 4er einen 3er.

Zwei völlig subjektive Wahrnehmungen, die aber die Beurteilung der Lawinengefahr entscheidend beeinflussen. Ich nehme mir fest vor, bei meiner Entscheidung daran zu denken.

 

Bei der Querung zur  Mitterfeldalm scheint der Schnee nicht so stark durchfeuchtet zu sein wie befürchtet.

Ein positives Signal.

Als wir nach der Mitterfeldalm in die Querung zur Kaserstadt sehen, fällt mir ein Stein vom Herzen. Anscheinend ist in der Nacht, ausgelöst durch den Regen, die Nassschneelawine schon abgegangen und hat sich über den ganzen Hang verteilt.

Auch wenn der Weg über die harten Lawinenbrocken keinen Spass macht sind wir doch froh über diesen Lawinenkegel.

 

Nach der kleinen Gaisnase ist zwar noch keine größere Lawine abgegangen, aber der Schnee hat einen deutlichen Bruchharschdeckel, es ist also nach dem Regen noch kalt geworden. Außerdem verteilt sich die Lawine aus der Schneeklamm im Normalfall nicht über den ganzen Hang und das Risiko für mich dadurch akzeptabel.

 

Als wir nach der Kaserstadt im übelsten Bruchharsch den Ochsenriedl hinauf spuren, freue ich mich zum ersten Mal über solche Schneeverhältnisse. Die Nassschnee Problematik haben wir jetzt hinter uns gelassen und der Triebschnee sollte uns erst weiter oben beschäftigen müssen.

 

Bis etwa 2000 Meter hat der nächtliche Regen diesen üblen Bruchharsch hinterlassen, darüber bis etwa 2200/2300 Meter scheint es Schneeregen gegeben zu haben, denn je nach Hang Exposition wechseln die Schneeverhältnisse. Bruchharsch, Regenharsch und in manchen Mulden hat sich sogar hier schon ein wenig Triebschnee angesammelt.

 

Im oberen Ochsenkar wird die Schneeoberfläche richtig hart und windgepresst, so dass wir vorm Schoberschartl die Harscheisen anlegen. Dabei bricht Kerstin mit dem Fuss durch und versinkt bis über den Oberschenkel. Der harte Windharsch Deckel ist also trügerisch und sollte nicht zur Unvorsichtigkeit verleiten.

Im Anstieg zum Schoberschartl sind ein paar kleinere Triebschnee Ansammlungen, die aber durch gezielte Routenwahl gut beherrschbar sind. Ab dem Schoberschartl (ca. 2500 m) wird der Wind immer stürmischer, aber die üblichen Verdächtigen sind bekannt und können gut umgangen werden.

Hinterm Schoberschartl zeige ich Micherl und Kerstin den Hang, an dem es vor 2 Jahren einen Lawinenunfall gegeben hat. am Hochkönig sind die Gefahrenstellen weniger große Hänge mit furchteinflösenden Dimensionen sondern gerade die kleinen, fast unscheinbaren Hänge und Mulden. Hier bewährt sich Ortskenntnis oder eben genaue Beobachtung der lokalen Situation.

Der Gipfelhang ist von weitem nicht einzschätzen, und um kein Risiko einzugehen schnallen wir die Schi auf den Rucksack und steigen über das Leiterl des Sommerwegs zum Matrashaus auf.

Als wir es uns in der Hütte gerade gemütlich gemacht hatten bekamen wir noch Besuch. Anna und Andi waren später aufgebrochen, da sich der Lawinenlagebericht von einem 4er auf einen 3 reduziert hatte.

 

Diese Sylvester Nacht war die bisher schönste für mich am Hochkönig. Der fast volle Mond beschien rundherum die Berge, es regte sich nicht das geringste Lüftchen und von den Alpentälern über Salzburg bis ins bayrische Alpenvorland sahen wir die Raketen in den Himmel steigen.

Als wir nach Mitternacht ins Bett gingen zogen aber schon die ersten Wolken des angekündigten Schlechtwetters aum Nachthimmel auf.

 

Am nächsten Morgen machte der Schneesturm vor der Hütte keine Lust aufs Aufstehen. Da bringt der Heimvorteil dann schon etwas, ich wusste, wenn wir erst einmal unten am Ostgletscher waren, würde der Sturm deutlich nachlassen.

Schwieriger war die Lawinenlage einzuschätzen. Durch die eingeschränkte Sicht im Nebel waren die Triebschnee Bereiche schwer zu erkennen, aber zum Gück war keine größer Neuschnee Menge zusammen gekommen.

Die kleinen Rutsche, die von uns ausgelöst wurden waren eher ein Problem mitgerissen zu werden, also war im Absturzbereich besondere Vorsicht angesagt.

Je weiter wir runter kamen umso mehr sank die Anspannung, die Sicht wurde besser, die Konzentration ließ nach, und vor lauter Freude über den breiten Schi im "Eisenbahnerpulver" hätte ich mich fast noch verfahren. Ich empfand das als Warnsignal nicht die Konzentration zu verlieren- erst am Arthurhaus war es wirklich vorbei.

Autor: Roman Kurz
Datum: 01.01.2018
Saison: 17/18
Gebiet: Hochkönig

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Roman Kurz zu 2 vor der Qu...10.01.2018

 Servus  Heini, soweit ich dich verstehe geht es dir in Deinem Kommentar um 3 Themenbereiche:

1. Das Maß des Risikos selbst bestimmen

2.Es wird gefinkelt und Tourenberichte als Ausrede benutzt "diese Tour geht also"

3. Einschätzung nach einer gängigen Lawinenstrategie

Zu 1.   Ich glaube das ist ein Thema das sich in einem Kommentar nur anreißen läßt. Meine persönliche, verkürzte Meinung dazu: Jeder sollte die Freiheit haben (soweit er keine Anderen damit gefährdet) selbst zu entscheiden welches Risiko er eingehen will. Schwierig wird es mit der Freiheit dann, wenn sich nur noch auf Handy, Hubschrauber und die Hilfe durch die Bergrettung verlassen wird.

Zu 2. Ein Dauerthema für das es keine wirkliche Lösung gibt. Sicher gibt es auch einige, die Touren einfach nach gehen ohne sich selbst einzuschätzen.   Aber ist die Lösung keine Berichte mehr einzustellen? Oder wo ist die Grenze welche Berichte eingestellt werden dürfen? Nix mehr ab Warnstufe 3, oder keine hochalpinen Touren?

Zu 3.  Du hast sicher recht damit, Erfahrung (Bauchgefühl) sollte mit theoretischem Wissen untermauert werden. Ich gebe zu von diesen Lawinenstrategien habe ich keine Ahnung. Ich versuche den LLB möglichst genau zu lesen (nicht nur die Warnstufe) und dann im Gelände entsprechend mein Verhalten immer wieder zu überprüfen. 

Vielleicht noch ein grundsätzlicher Gedanke zu der Tendenz alle Lebensbereiche mit Zahlen fassbar zu machen. Gestern hörte ich ein Interview mit einem Vertreter des DAV. Der sagte sinngemäß, bei Warnstufe 4 oder 5 sind Schitouren immer tabu. Erst sind sie tabu und irgendwann verboten, weil sich ein Risiko ja schön schön in Zahlen fassen läßt. NIx für ungut  Roman

Lechner Heini zu 2 vor der Qu...09.01.2018

Servus Roman, ich finde deinen Bericht nicht großartig wie Kollege Nani sondern einfach interessant. Allerdings muss ich gestehen, dass ich ihn schon mehrmals genau durchlesen musste um deine Gedanken zur Entscheidungsfindung erahnen und teilweise nachvollziehen zu können. Du hast ja bei deinem Gugl Bericht schon deutlich festgehalten, „dass du dir das Recht nimmst, das Maß deines Risikos selbst zu bestimmen.“ Das kann ich gut nachvollziehen und das macht ja auch den Reiz des Bergsteigens in unserer Versicherungsgesellschaft aus (mal abgesehen von der viel diskutierten Tatsache der „Verantwortung für die erste Spur oder Gefährdung von Rettungskräften“ … aber das ist ein anderes Thema und gerade Rettungskräfte denken darüber oft weniger dramatisch als die breite Masse). Gefinkelt wird es aus meiner Sicht aber immer dann, wenn solche Berichte dann in öffentlichen Foren von jedermann gelesen und vor dem Hintergrund des eigenen (Halb-)Wissens und mehr oder weniger großer Erfahrung interpretiert werden. Wie erwähnt, ich musste mehrmals lesen! Ich erinnere mich an eine Diskussion auf facebook, wo einer Oberösterreicherin bei gespannter LWST 3 auf ihre Frage ob denn der Hochkönig „morgen ginge“ quasi der Weg nach dem Motto „gefährlich und problematisch, aber wenn du dich hier etwas rechts und da etwas links und da nicht zu hoch und dort etwas tiefer vorsichtig belastend hältst eventuell machbar“ beschrieben wurde. Ich hoffe, sie ist nicht gegangen! Interessant wäre m. M. daher zumindest auch immer eine allgemeine Einschätzung nach einer gängigen Lawinenstrategie. Soweit ich mich an den Tag erinnern kann und hier eine zeitverzögerte Ferndiagnose riskiere, hätten zumindest für die „Schisser“ (vgl. Werner Munter) sowohl check 1 in der Planung wie auch check 2 nach Stop or Go (aber auch nach der deutschen Snowcard) ein Stop ergeben. Der Bruchharschdeckel wäre aus Sicht von Stop or Go für ein „trotzdem Go“ auch zu wenig ausreichend gewesen (trotzdem Go bei tragfähigem Harschdeckel) … wie oben erwähnt, das soll keine Kritik an deiner Entscheidung, sondern eine Ergänzung für jene sein, die ob fehlender Eigenerfahrung nicht annähernd klar nachvollziehen können, wie du, immer vor dem Hintergrund deiner eigenen, selbstbestimmten Risikobereitschaft, dem erwähnten Gruppendruck und mit den zwischen den Zeilen erwähnten „weichen Knien und immer wieder Aufatmen“ aber auch mit deiner hervorragenden Gebietskenntnis gedacht und entschieden hast. Alles Gute!

Schmidt Florian04.01.2018

Sehr innteressanter Bericht, merci dafür!

Daniela Kern03.01.2018

Ein spanneder und lehrreicher Bericht, danke dafür!

Thomas Mansberger03.01.2018

Danke Roman,

dass du ins in dein Auf und Ab, Soll ich, soll ich nicht Einblick gibst.

martin, karo gaisl03.01.2018

Vielen vielen Dank Roman. Für den Einblick in das Gelände sowie in deine dazugehörige Gedankenwelt. Sehr ehrlich. Sehr mutig :-)

Ebenso: http://www.lawine.salzburg.at/tour/index2.php?id=6085

Nani Klappert03.01.2018

Lieber Roman! Vielen Dank auch von mir, ich finde deinen Bericht einfach großartig! Wobei, "Bericht" ist untertrieben, es ist ja vielmehr ein Querschnitt durch die Lawinenkunde. Dadurch, dass ihr vom Nassschnee über Harschdeckel in den Triebschnee gewandert seid, dazu noch bei 2 unterschiedlichen Wetterlagen, ist ja ein großer Brocken aller Phänomene, die einem begegnen können,  erwähnt. Sogar der Aspekt "Menschliche Schwächen" kommt vor (Gruppendruck; in der Sonne wird aus dem 4er ein 3er; zuletzt noch die Ermahnung an dich selbst, nicht in der Konzentration nachzulassen, wie mir das alles von meinen eigenen Schwächen her bekannt vorkommt!). Nochmal: Großartig! 

Es werden natürlich nicht alle lesen, manchen ist ja im LLB der Text schon zu lang, sie begnügen sich mit der Hausnummer, dann wird noch aus 2 eine 1, und der 3er "wird scho ned so wild sein", aber für so manche(n) war's bestimmt ein Denkanstoß, "mitzuerleben", wie bei einem Profi wie dir auf Tour im Kopf "das Radl läuft", erst in der gedanklichen Vorbereitung und dann praktisch an jeder Kurve die Überprüfung, ob und wie weit das Erwartete, Vermutete mit der Realität übereinstimmt. 

Diejenigen, die sagen "interessiert mi ned", sollten vielleicht einen Umstieg aufs Briefmarkensammeln in Erwägung ziehen, dann leben's u.U. länger als als Tourengeher. 

Zuletzt noch ganz was anderes: Wir haben beim Anstoßen um Mitternacht rübergesehen zum Matrashaus und ich bild mir ein, ich hab 2 bis 3x 'was Rotes aufsteigen gesehen, hat nicht nach Rakete, eher nach Leuchtkugel ausgesehen. War's so oder hab ich mich verschaut?

Alles Gute weiterhin und vielleicht schaff ich's nächsten Sommer mal aufs Matrashaus. LG aus Großgmain, Nani 

uta Philipp03.01.2018

Vielen Dank, Roman, das ist ein sehr lehrreicher interessanter Bericht! Man muss sich wirklich sehr gut auskennen, um die Lage so genau beurteilen zu können. Super!