Lawinenunfall Schwalbenwand/Schützingalm, 05.01.2019

Ein 53-jähriger einheimscher Tourengeher steigt am Vormittag des 5.1.2019 alleine vom Mitterberghof (Thumersbach) über einen Rücken in Richtung Schwalbenwand auf. Kurz nach dem Verlassen des bewaldeten Bereichs entschließt er sich, die Tour in einer Höhe von ca. 1620 m abzubrechen und abzufahren. Er fährt einen kurzen Steilhang (die Steilheit wurde im Nahbereich der Verschüttungsstelle mit 38 Grad bestimmt) bis zum Güterweg, der zur Schützingalm führt, ab. Als er vom Hangfuß auf den Güterweg steigen will, löst sich über ihm ein ca. 150 m langes und 100 m breites Schneebrett (Anrisshöhe 20 bis 80 cm), das ihn zur Gänze verschüttet. Die Bindung ist verriegelt und die Beine kann der Verschüttete nicht bewegen. Die Hände hat der Sportler aber nicht in den Schlaufen der Stöcke und das Mobiltelefon vorsorglich in der Brusttasche der Jacke verstaut. Es gelingt ihm, seine Atemwege frei zu machen und sich für den Oberkörper im lockeren Schnee einen Freiraum zu schaffen. So kann er mit dem Mobiltelefon einen Notruf absetzen. Für den Notarzthubschrauber herrschen keine Flugbedingungen und so steigen Bergretter der Ortsstellen Zell/See und Saalfelden und Alpinpolizisten (AEG Zell/See) zu Fuß zur Unfallstelle auf und können den Wintersportler nach rund zwei Stunden Verschüttung leicht unterkühlt, sonst jedoch unverletzt bergen. Der Tourengeher trägt ein aktiviertes LVS, die Ortung durch die Bergrettung erfolgt bei Erreichen des Lawinenkegels jedoch unmittelbar durch die Sichtung des Schistocks, den der Verunfallte durch die Schneedecke nach außen stechen konnte.

 

Lawinentyp: Schneebrett, trocken
Anriss Seehöhe: ca. 1550 m
Anrissmächtigkeit: 20 bis 80 cm
Anrissbreite: ca. 100 m
Länge: ca. 150 m
Steilheit: ca. 38 Grad
Exposition: Ost
Bruchfläche: überschneiter und überwehter kalter/lockerer Schnee
Lawinengröße: 2 - mittlere Lawine

 

Lawinenproblem: TRIEBSCHNEEPROBLEM

Im Unfallbereich wurde keine Schneedeckenuntersuchung duchgeführt, weshalb bei der Analyse auf Messungen und Beobachtungen in der Umgebung zurückgegriffen wird. An den Tagen vor dem Unfall fiel ergiebiger, kalter Neuschnee bei starkem bis stürmischem Wind aus West/Nordwest, der von der Waldgrenze aufwärts und insbesondere in den Kammbereichen anhaltend verfrachtet hat. Am Unfalltag selbst stiegen die Temperaturen deutlich an und der weiter unter Windeinfluss fallende Schnee war etwas kompakter und auf der kalten, lockeren Unterlage sehr störanfällig, wie auch spontane Lawinenereignisse an diesem Tag belegen. Die gemeldeten Neuschneehöhen (24h-Summen bis zum Morgen des 5.1.) lagen im Bereich der Grasberge bei 35 cm. Bei einer von den Einsatzkräften beobachteten Anrisshöhe von 20 bis 80 cm spricht vieles dafür, dass frischer Triebschnee an der Grenzfläche zwischen Neuschnee und kalter Unterlage ausgelöst wurde.


Details aus dem Lawinenlagebericht vom 05.01.2019:
Gefahrenstufe Inneralpine Grasberge: Groß (4)
Besonders gefährdete Expositionen: alle
Besonders gefährdeter Höhenbereich: keine Einschränkung
Beschreibung der Lawinensituation: Triebschneesituation, kein Tagesgang
http://www.lawine.salzburg.at/lageberichte/lb_2019-01-05_3.html?lang=de_GE

 

Beschreibung der Lawinensituation im LLB:  GROßE Lawinengefahr (4): Eine Stufe 4, die in den Nordalpen in den oberen Bereich der Bandbreite kommt. Das Haupttheme sind spontane Lawinen die von selbst abgehen. [...] Betroffen sind alle Hangausrichtungen. Durch den möglichen Staubanteil sind auch größere Reichweiten möglich. Skitouren und Variantenfahrten sind nicht sinnvoll (enorme Einsinktiefen, keine Sicht) und gefährlich. Die Störanfälligkeit ist überall im stärker geneigten Gelände hoch (Setzungsgeräusche, Risse, Fernauslösungen).

 

WAS KANN JEDER MITNEHMEN und LERNEN:

- Die Kombination von kalter, lockerer Unterlage und kompakterem Neu- /Triebschnee ist besonders heikel.

- Die Tour/Routenwahl durch Wald und über den Rücken war defensiv gewählt. Ein Rückzug über die Aufstiegsroute wäre vermutlich ohne Folgen geblieben. Allerdings genügte der kurze Hang abseits des vom Aufstieg her bekannten Geländes für ein gefährliches Lawinenereignis.

- Ein griffbereites Handy und vor allem der seltene Umstand, nach einer Totalverschüttung noch die Arme bewegen zu können (Hände nicht in den Schistockschlaufen war sicher hilfreich), waren für den glücklichen Ausgang des Unfalls mitentscheidend.

- Als Alleingeher und bei widrigen äußeren Bedingungen (Gefahrenstufe 4, schlechte Sicht) hat man im Fall unvorhergesehener Ereignisse (Lawine, Verletzung, gesundheitliches oder Materialproblem,...) keine Reserven. Die rechtzeitige Ortung/Bergung durch die Rettungskräfte war angesichts der äußeren Umstände ein großes Glück. Bei Gefahrenstufe 4 von Rettungskräften geborgen zu werden, ist nicht selbstverständlich, da auch die Retter der großen Lawinengefahr ausgesetzt sind. Ohne Fremdhilfe ist eine solche Situation aussichtslos.


Infos zu Hergang und Fotos: BMI AEG Zell/See (J. Wurzer, A. Schlick), Analyse LWD Salzburg

Autor: Michael Butschek
Datum: 05.01.2019
Saison: 18/19
Gebiet: Inneralpine Grasberge